Zeitenwandel

Der Senftenberger Hafen entstand an einem Tagebau-Flutungsbecken. Vor wenigen Jahrzehnten wurde hier noch Braunkohle gefördert, in den letzten Jahren hält an der neu entstehenden Seenplatte der Tourismus mehr und mehr Einzug. Carlo Becker und Martin Stokman vom Büro bgmr Landschaftsarchitekten wählen fünf Bilder und zwei Pläne und beantworten unsere sieben Fragen.
Die bisher beiläufige Lage des Senftenberger Sees bekommt durch den neuen Hafen einen klaren Bezug zur angrenzenden Stadt.

Red.: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Carlo Becker: Eine verkehrstechnische Infrastruktur wie ein Hafen mit Liegeplätzen, Fahrgastschiffanleger, Slipanalage und Tankstelle zu einem Ort zu machen, der deutlich mehr kann, als nur Hafen zu sein. Wir wollten einer verkehrstechnischen Anlage eine «Seele» geben. Ein Anspruch, den wir bei Infrastrukturbauten häufig vermissen.
Die großzügige Promenade wird zum aufgeweiteten Teil des Uferrundwegs und bildet das urbane Ufer des neuen Hafens.

Der Senftenberger See entstand mit der Flutung eines ehemaligen Braunkohletagebaus und entwickelte sich seit den frühen 1970er-Jahren zu einem beliebten Ausflugsziel. Knüpft der Entwurf ein Band zwischen den Zeiten oder versteht er sich als ein davon abgesetztes, separates Element?
Carlo Becker: Der Stadthafen stellt vielfache Verknüpfungen her. Er stellt einen weiteren wichtigen Baustein in der touristischen Entwicklung des Sees und der Region dar. Er verknüpft auch das Stadtzentrum von Senftenberg mit dem See, er wird zum Zielpunkt. Und der Hafen wird zum Start- und Ausgangspunkt in das entstehende Lausitzer Seenland: ein Verbund von acht neuen Seen mit einer Länge von mehr als 30 Kilometern.
Der schwimmende „Seebrückenkopf“ bildet den markanten Abschluss der knapp 500m langen Steganlage.

Mussten im Baugebiet besondere Maßnahmen getroffen werden, weil hier auf künstlich geschüttetem Boden gearbeitet wird?
Martin Stokman: Ja! Das Baugrundgutachten, das zum Wettbewerb nicht vollständig vorlag, machte deutlich, dass große Teile der Böden im Wasserbereich geschüttet und nicht tragfähig sind. Daher musste der gesamte wasserseitige Bereich mit Ausnahme der als Spundwand ausgeführten Nord- und Nordwestmole schwimmend gebaut werden. Zusätzlich mussten hohe Vorgaben zu Wellengang und Eisdruck berücksichtigt werden.
Als Teil der Wasserlandschaft wird der aufragende «Seebrückenkopf» zum neuen Wahrzeichen Senftenbergs und zum Aussichtsbalkon auf den Senftenberger See.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Martin Stokman: Der größte Einschnitt kam mit den Ergebnissen des Baugrundgutachtens und die notwendige Umplanung auf einen in großen Teilen schwimmenden Hafen. Besonders gravierend war die wegen nicht tragfähigem Baugrund notwendige Umplanung der ursprünglich als gespundeter Fangedamm geplanten Westmole mit aufgesetztem «Seebrückenkopf» in eine schwimmende Variante Die große Herausforderung bestand darin, die architektonische Qualität der Gesamtanlage und im Speziellen die des markanten, nunmehr schwimmenden  «Seebrückenkopfes» trotz der problematischen Rahmenbedingungen und der strengen Vorgaben konstruktiv und baulich entsprechend der im Wettbewerb dargestellten Qualität umzusetzen.
An der Schnittstelle zwischen Hafenpromenade und Steganlage vermittelt das «Sockelband» mit eingeschnittenen Sitzelementen, Treppen und Rampen.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Carlo Becker: Unser Auftraggeber hat radikal dafür gesorgt, dass die ursprünglich kalkulierte Bausumme nicht überschritten wird, ein Mehr musste durch ein Weniger an Kosten immer ausgeglichen werden, die Qualität musste aber konstant bleiben. Das haben wir geschafft. Wir haben eine ARGE gebildet, in der wir als Landschaftsarchitekten verantwortlich für die Steuerung und die Sicherung der gestalterischen Qualität der Gesamtanlage waren. Damit konnten wir das Ziel einen mehrdimensionalen Ort zu schaffen, kontinuierlich durch alle Planungsphasen verfolgen und weiterentwickeln.
Detail

Inwiefern findet sich die «Handschrift des Büros» wieder?
Carlo Becker: Wir mögen raue Orte wie zum Beispiel das «Restloch» eines Tagebaues. Die Gestaltung des Hafens wirkt nicht lieblich, sondern durch den bewussten Einsatz von Stahlspundwänden, großformatigen Betonelementen- und Platten und auch seriellen, technischen Ausstattungselementen rau und ehrlich, zugleich jedoch klar und maritim elegant. Auch wenn in der Ausführung bis ins Detail gefeilt wurde, ist die Anlage nicht kleinteilig und verspielt, sondern vielmehr als gestalterisches Ganzes deutlich ablesbar.
Seebrückenkopf
Lageplan
Stadthafen Senftenberg
2013

Steindamm 57
01968 Senftenberg

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